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  • karinrogalska

Aus für 320 (2. Juli 2023)

Am 30. Juni 2023 erschien die letzte Printausgabe der "Wiener Zeitung". Nach 320 Jahren war damit Schluss mit einem Medium, das sich lange "die älteste Tageszeitung der Welt" nennen durfte.


Auch ich habe einiges in der "Wiener Zeitung" veröffentlicht. Zwischen 2004 und 2018 habe ich immer wieder über die Situation in der Slowakei, Ungarn und Deuschland berichtet. Deshalb habe ich die Entwicklungen gerade in den vergangenen Wochen mit regem Interesse verfolgt.


Vor allem war ich neugierig, was aus der "Wiener Zeitung" per 1. Juli 2023 werden würde. Ob ich zu den ersten gehörte, welche die neue und eigentlich doch bisherige Homepage anklickten, weiß ich natürlich nicht. Auf jeden Fall schaute ich schon um kurz nach Mitternacht nach. Und fand gar nicht schlecht, was ich sah. Artikel lassen sich zwar trotz aller Bemühungen um Interaktivität nicht liken, auch fehlen mir Kategorien wie "Demographie" oder "Gerechtigkeit". Aber "das Ding ist im Werden", dachte und denke ich mir. Also bleibe ich dabei und werde weiterklicken.


Im Übrigen habe ich, soweit fürs erste möglich, den Ersinner*innen des neuen Medienprodukts alles Gute gewünscht. Das finde ich nur fair. In den letzten Wochen ließ sich oft genug nachlesen, warum die "Wiener Zeitung" in ihrer bisherigen Form unabdingbar sei. Verabsäumt wurde, den "Neuen" das eine oder andere "viel Erfolg" mit auf den Weg zu geben. Das Medium ist schließlich nicht tot, es ist einfach anders. (Über die österreichische Medienförderung lässt sich sicher trefflich streiten, dafür ist an dieser Stelle aber bewusst kein Raum.)


Und da stellt sich die Frage, wie man selbst mit Veränderung umgeht. Ich las jetzt beispielsweise sehr viel darüber, dass da viele ihren Traumjob nicht mehr ausüben könnten. Was in mir vor allem die ketzerische Frage entstehen ließ: Wären die Proteste eigentlich auch so laut gewesen, wenn die Wiener Zeitung zum Online-Medium umfunktioniert worden wäre, bei dem die gesamte bisherige Mannschaft ihr Auskommen hätte?


Seit mehr als drei Jahrzehnten bin ich journalistisch, seit mehr als zwei Jahrzehnten als freiberufliche Autorin tätig und musste und muss mich da manchmal sogar von einem Tag auf den anderen neu erfinden. Wenn ich etwas benennen sollte, das für die Medienbranche typisch ist, so ist es der stetige Wandel. Gewiss, es gibt sie, die Medien, die ich seit mehr als 20, ja 30 Jahren beliefere. Vor allem aber sind viele Medien gekommen, wieder eingestampft oder völlig neu ausgerichtet worden, durchaus auch auf Papier, meist aber digital.


Gut und qualitativ hochwertig überlebt haben die, die unter Wahrung klarer Grundsätze mit der Zeit gegangen sind. Und gut und hochwertig überlebt haben vor allem die, die ihre Nische und damit ihre Nutzer*innen gefunden haben, dies meist auch ohne großes Aufsehen, vielmehr durch pfiffige Ansprache ihres Publikums.


Deshalb bin ich felsenfest überzeugt: Wenn es den Macher*innen der neuen "WZ", wie sie jetzt heißt, gelingt, ihre Nutzer pfiffig anzusprechen, werden sie das Baby schon schaukeln. Ansonsten gilt: no clicks, no future. Was ich nicht hoffe.


Und was ich auch nicht möchte: mehr als ein Editorial, warum die "Wiener Zeitung" nun "WZ" ist. Ein Medium sollte schließlich nur zuletzt, wenn überhaupt dem Selbstzweck dienen.

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