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  • karinrogalska

Las Aristoteles Bücher?

Aktualisiert: 18. Juli 2023

Einen Blog mit einer Rezension beginnen? Aber ja doch und gerade doch, wenn in dem Buch eine nur scheinbar selbstverständliche Frage aufgeworfen wird.. Oder sind Sie sich ganz sicher, wie die griechischen Philosophen zu Ihren Erkenntnissen kamen?


Wie auch immer, Fragen zu stellen und vor allem Vertrautes wertschätzend in Frage zu stellen, weitet den Horizont und eröffnet ungekannte Perspektiven. Nicht umsonst lautete etwa die wichtigste Herausforderung in meiner journalistischen Ausbildung: Gehen Sie einen Monat lang tagtäglich durch eine scheinbar tote Straße und verarbeiten Sie Ihre Erlebnisse zu einer packenden Reportage. Beim aufmerksamen Spazieren stellte ich fest: Selten war in meinem Leben mehr los


Und deshalb: Am Anfang ist dieses Buch. Die Lektüre des nachfolgend besprochenen Bandes für und von Hans Eideneier wie auch einen Blick in die Edition Romiosini lege ich Ihnen wärmstens ans Herz. Der Text erscheint in Kürze in den "Südosteuropa Mitteilungen".

Hans Eideneier

Las Aristoteles Bücher? Reden und Schriften zur Hörkultur der Griechen

Berlin: Edition Romiosini 2022, 307 Seiten, ISBN-13 (15)978-3-946142-84-3

E-Book: https://bibliothek.edition-romiosini.de/catalog/book/83


Es sei gleich notiert: Die Lektüre des deutschsprachigen Pendants zu einem anlässlich des 80. Geburtstags von Hans Eideneier auf Griechisch erschienenen Sammelband erfrischt Geist und Herz gleichermaßen. In beiden Publikationen sind Vorträge, Kongressreferate und Zeitschriftenartikel des 1937 in Stuttgart geborenen Autors vereint, der über Jahrzehnte als Byzantinist, Neogräzist und literarischer Übersetzer in Erscheinung getreten ist und unter anderem von 1994 bis 2002 eine Professur für Byzantinistik und Neugriechische Philologie an der Universität Hamburg innehatte.


Eideneier selbst geht es in erster Linie um das Verstehen der schon in der altgriechischen Hörkultur fest verbundenen Einheit von Wort, Lied und Takt, die sich über das griechische Mittelalter und die frühe Neuzeit bis in unsere Tage erhalten hat. Es wäre aber zu kurz gegriffen, den Band auf eine rein philologische Fachveröffentlichung zu reduzieren. Auch Philosoph*innen, Historiker*innen, Medienwissenschaftler*innen und generell an Kommunikation Interessierte werden die Ausführungen Eideneiers mit Gewinn und Vergnügen lesen.


Die Publikation ist in die Homepage der inzwischen 80 Titel umfassenden Edition Romiosini eingebettet und lässt sich online kostenlos aufrufen. Bei der Edition Romiosini handelt es sich um ein Projekt des Centrum Modernes Griechenland der Freien Universität Berlin. Seit 2014 wird hier griechische und griechenlandbezogene Literatur in deutscher Sprache veröffentlicht und zugleich eine digitale Bibliothek der griechischen Literatur und neogräzistischen Forschung aufgebaut.


Der vorliegende Band umfasst unter anderem fünf noch unveröffentlichte Reden von Eideneier. Zeitlich wie inhaltlich spannt der Autor einen Bogen von der Blütezeit der altgriechischen Philosophie über die Epoche des byzantinischen Reichs bis zur Frühen Neuzeit und ihrer Bedeutung für die Verbreitung und phonetische Adaption des Altgriechischen in Mitteleuropa. Als Appendix ist ein umfassendes Verzeichnis von Eideneiers Schriften beigefügt.


Leser*innen ohne klassische humanistische Vorbildung sollten sich nicht von Überschriften wie "KAI als Auftakt zur rhythmischen Sprache (...)" oder "Die Metaphrase als Wechsel der Stilstufe (...)" entmutigen lassen oder das Buch gar aus der Hand legen. Vielmehr lohnt es sich in solchen Fällen, umso mehr gedankliche Mühe auf solch spannende Fragen wie die zu verwenden, warum Aristoteles denn überhaupt Bücher gelesen haben sollte oder könnte, wenn es damals doch gar keine Bücher im heutigen Sinne gab und sich Notizen auf Papyrus in aller Regel nur von spezialisierten Fachkräften entschlüsseln oder gar vortragen ließen.


Als nicht minder erhellend erweist sich die Auflösung des scheinbaren Rätsels, warum denn Äsop einen, wie wir heute wohl sagen würden, "shitstorm" ausgelöst haben könnte, als er die Besucher seines Herrn mit der scheinbar einfachen Frage auf die Probe stellte, womit denn der Hund wedele.


Wissens- und Bildungsvermittlung ist für uns Heutige eine Sache der Augen. Mit Gehörtem hingegen gehen wir mit einer gehörigen Portion Misstrauen um, zumal wissenschaftlich erwiesen ist, dass wir auch bei aufmerksamstem Zuhören nur einen Bruchteil dessen aufnehmen, was an unsere Ohren dringt. Und dennoch: "Was wir heute lesen, wurde damals gehört", wie in der Einleitung zum Buch konstatiert wird. Herausgekommen sind dabei unbestreitbar großartige Gedanken.


Sollten wir also unsere heutige Art und Weise der Informationsaufnahme einer gründlichen Revision unterziehen? Uns mehr öffnen für bis heute existierende Kulturen, wo die mündliche Überlieferung und deren Vermittler*innen höchstes Ansehen genießen, dies längst nicht nur außerhalb des abendländischen Kulturkreises? Hans Eideneier liefert auf diese und ähnliche Fragen keine Antworten. Er bietet aber Denkanstöße, die weit über das Griechische und Griechenland hinausweisen.


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