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  • karinrogalska

Wohin wollen Sie? (10. Januar/Jänner 2024)

Aktualisiert: 12. Jan.



2024 ist das globale Superwahljahr. Weltweit stehen mehr als 60 Urnengänge an, teilweise wird sogar von einer noch höheren Zahl berichtet. Und rund vier Milliarden Menschen sollen im Laufe des Jahes zur Stimmabgabe aufgerufen sein.


Ungenaue Zahlenlage hin und her, in einem zumindest scheint sich die Welt einig: Uns erwartet ein demokratisches Massenspektakel.


Lebten diejenigen noch, die sich in früheren Jahrhunderten für allgemeine, gleiche und freie Wahlen einsetzten, wären sie sicher überwältigt. Überwältigt davon, dass es weltweit inzwischen etwa dreimal mehr Wahlberechtigte gibt als im 19. Jahrhundert überhaupt Erdenbürgerinnen und Erdenbürger. Und sicher auch glücklich, dass sich Demokratie weitestgehend als anerkannte Staatsform durchgesetzt hat.


Und zugleich wären sie entsetzt, welch demokratischer Stillstand sich nicht erst seit gestern in manchen Ländern beobachten lässt. Man müsse tagtäglich um Demokratie kämpfen, sie sei nichts Selbstverständliches, hat sicherlich nicht nur die Verfasserin dieser Zeilen immer wieder gehört und auch anderen gepredigt.


Einerseits ist dem nichts hinzuzufügen. Demokratien mögen bisweilen schwerfällig erscheinen, aber was wäre denn eine grundsätzliche Alternative?


Andererseits ist genau an diesem Punkt anzuknüpfen. Gehört Demokratie aktuell tagtäglich verteidigt oder doch wieder erkämpft? Beide Sichtweisen führen in die Irre.


Die Demokratie zu verteidigen, bedeutet, im Status quo zu verharren. Die Demokratie wieder zu erkämpfen, bedeutet, denen das Wort zu reden, die etwa in Deutschland ein Ende der Meinungsfreiheit beschwören.


Das Gebot der Stunde lautet vielmehr, die Demokratie fortzuschreiben. Selbstredend ist Demokratie grundsätzlich als Strukturgeberin von Gesellschaften zu verteidigen. Möglicherweise gehören aber bestimmte Traditionen und Mechanismen auf den Prüfstand.


So sind politische Parteien im deutschen Grundgesetz als Träger der politischen Willensbildung definiert, dies deshalb, weil man Parteien einst eine ausreichende Schlagkraft zutraute, konsensfähige Positionen nach außen zu tragen und durchzusetzen, die sich zuvor in einem groß angelegten inneren Meinungsbildungsprozess herauskristallisiert haben.


Sind aber eigentlich noch genügend Menschen willens sich in Parteien zu organisieren? Und wird die politische Willensbildung durch derzeit nicht eher ad absurdum geführt, wenn sich immer mehr Splittergruppen formieren, dies vornehmlich auch nur an einem Ende des politischen Spektrums?


All das sind zunächst Fragen der Organisation von Demokratie. Deren Klärung ist keineswegs unwichtig, schließlich lässt sich nur in funktionierenden Strukturen handeln.


Wohin aber wollen wir, wohin wollen Sie als einzelne mit und in der Demokratie? Demokratie fortschreiben zu wollen ohne Konsens über die ihr zugrunde liegenden Werte ist ein sinnentleertes Unterfangen.


Viele Menschen scheinen mit den aktuellen Zuständen unzufrieden. Aber welche Vorstellungen haben sie von der Zukunft? Robert Jungk und andere haben uns gelehrt, dass sich das Kommende durchaus vorausdenken lässt, weil es einem bestimmten Horizont entspringt.

Derzeit lässt es sich zumindest in Europa wegen des wachsenden Überhangs älterer Menschen sogar erschreckend exakt antizipieren. Wohl können Ältere mit Erfahrungen aufwarten. Innovative Denkanstöße gehen damit aber in der Regel nicht einher.


Insofern wäre es mehr als angebracht, vom derzeitigen Meinungslärm, der sich in "Weg"-Rufen, rein ennervierenden Protesten, durchaus aber auch in der Form des Mobs entlädt, zur Meinungsbildung, zum Diskurs zurückzukehren. Es gibt heutzutage schließlich mehr Kanäle als jemals zuvor, um sich in angemessener Weise Gehör zu verschaffen.


Dass man da nicht gehört werde, ist eine ziemlich billige Behauptung. Vielmehr wäre bei sich selbst anzufangen und darüber nachzudenken, warum man denn eigentlich nicht gehört wird. Die Antwort wäre sicher hilfreich für die Entfaltung eines gesellschaftlichen Diskurses, der dieser Bezeichnung auch würdig ist.


Vgl. hierzu auch:







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