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  • karinrogalska

Generation im Konflikt (12. Juli 2023)

Aktualisiert: 18. Juli 2023

Generationskonflikte gibt es, solange Lebewesen verschiedenen Alters aufeinander stoßen. Das Phänomen ist also alles andere als neu. Verändert hat sich aber der Umgang damit.


Denn aktuell umschreiben wir diese Art von Aneinandergeraten oder Aufeinanderprallen nur selten als Konflikt. Vielmehr deuten wir sie als Wandel .

Durch den demographischen Wandel etwa sehen wir uns gezwungen, unser System der Altersvorsorge zu überdenken. Im Zuge des menschengemachten Klimawandels wiederum kommt es unter anderem zu Schuldzuweisungen wie der, dass die heutige ältere Generation und ihre Vorgänger den Jüngeren durch einen verschwenderischen Lebensstil die Zukunft geraubt hätten.


Natürlich gäbe es über den demographischen wie den Klimawandel noch viel mehr zu sagen. Und natürlich sind nicht nur Demographie und Klima im Wandel. Spätestens seit Heraklit wissen wir, dass alles im Fluss ist.


Allerdings sind

demographischer wie Klimawandel in den Köpfen deutlich präsenter als anderer Wandel. Denken wir nur an den politischen Wandel, den Wandel in der Medienwelt, den medizinischen Wandel oder Erkenntniswandel in den Naturwissenschaften.


Hier mag die Frage erlaubt sein, ob uns mancher Wandel lieber als anderer ist. Durch neue Erkenntnisse in Medizin und Naturwissenschaften fühlen wir uns schließlich in der Regel beglückt. Die Beschäftigung mit modernen Medientechnologien oder Künstliche Intelligenz hingegen mündet nicht selten in Überforderung. Und dann gibt es eben noch Prozesse wie demographischen oder Klimawandel, die wir zumindest eine Zeitlang nur zu gern verdrängen, um dann umso heftiger von ihnen eingeholt zu werden.


Und hier muss die Frage erlaubt sein, ob wir nicht unseren Sprachgebrauch überdenken müssen. Denn was verbinden wir mit Wandel: doch nichts, was uns plötzlich ereilt, was also in letzter Konsequenz nicht beherrschbar wäre.


Und nur oft genug assoziieren wir auch nichts Unliebsames: Europa etwa altert eben, das bringen die Errungenschaften vor allem der Medizin so mit sich. Das Klima wiederum verändert sich doch schon seit dem Urknall ständig. Im Mittelalter etwa war es auch sehr warm und ließen sich an manch heute (wieder, noch ...) sehr kaltem Ort Feigen ernten.


Auf diese Weise zähmen wir vermeintlich die unliebsame Komplexität der Dinge. Langlebigkeit schön und gut, aber wer erwirtschaftet die Renten, wer pflegt diejenigen, die nicht mehr können, wer ...? Und auch, wer einen menschengemachten Klimawandel anerkennt: Wie verändert sich die Erde denn über unser relativ kurzfristiges Vorstellungsvermögen hinaus? Und welche Folgen müssen wir auch kurzfristig bedenken? Noch vor ein paar Jahren etwa hätte niemand etwas mit dem Begriff Klima-Migration anfangen können.


Tatsächlich geht es bei allem um Verteilungskonflikte, ja Kämpfe um Ressourcen. Diese sollten klar benannt werden, und zwar nicht nur dann, wenn die Herausforderung akut spürbar ist, zumal wir uns von unserer Wahrnehmung nur zu gern täuschen lassen. Gerade erst haben wir den weltweit im Schnitt heißesten Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt, und das, obwohl es in vielen Teilen Europas zu diesem Zeitpunkt gerade nicht gefühlt zu warm war.


Sensibler Sprachgebrauch ist aber nur ein erster Schritt im Umgang mit Herausforderungen infolge letztlich drastischer Veränderungen.

Nicht minder dringlich gilt es zu erörtern, wer mit wem im Kampf, im Konflikt, am Ringen ist. Ob demographischer, ob Klimawandel, wir denken die Dinge oft als Auseinandersetzung zwischen Generationen, grob vereinfacht: zwischen Alt und Jung. Doch es findet längst auch ein Ringen innerhalb von Generationen statt.


Zur Klarstellung: Gemeint ist hier keine Auseinandersetzung im Zeichen äußerer oder äußerlicher Instabilität. Infolge von (Bürger-)Kriegen oder Naturereignissen sind schon immer Katastrophen eingetreten, welche die davon Betroffenen zumeist unterschiedslos zurücklassen.


Vielmehr geht es um unterschiedliche Lebensentwürfe. Wer heute 50 ist und seine Situation mit der seiner Eltern oder auch Großeltern in diesem Alter vergleicht, kommt schnell darauf, "dass damals doch vieles geordneter schien". Zu einer gewissen Zeit erlernte "man" einen Beruf, gründete eine Familie, schmiedete Pläne für den Ruhestand ...


Diese Dynamik ist längst aufgebrochen, das ist inzwischen eine Binsenweisheit: Die Alten von heute sind oft aktiv, holen etwa ein Studium nach oder beginnen mit einer neuen Sportart, die Jungen müssen bis zum Berufsbeginn nicht erst zwei, drei Jahrzehnte warten sondern können bei entsprechender Begabung Klassen überspringen, schon im ersten Lebensjahrzehnt ein Unternehmen gründen, um nur einige Beispiele zu nennen. Die medizinischen Parameter dafür, Nachwuchs haben zu können, sind, manche mögen es erstaunlich nennen, immerhin oder auch hingegen gleich geblieben.


In jedem Fall unbestritten erwachsen daraus unzählige Lebensentwürfe. Dieser hohe Grad an persönlicher Gestaltungsfreiheit ist uneingeschränkt zu begrüßen.


Und was resultiert daraus auf lange Sicht? Zumindest in Gesellschaften, welche die Rahmenbedingungen für umfassende individuelle Gestaltungsfreiheit bieten, können sich Konflikte zwischen Generationen auflösen und eröffnet sich Raum für Auseinandersetzungen innerhalb einer Generation. Mit nicht wenigen älteren Herrschaften etwa diskutiert es sich nicht selten näher an der eigenen Wirklichkeit als mit Gleichaltrigen, die noch mitten in der Familienplanung stecken, während der eigene Nachwuchs schon volljährig ist. Ist man selbst nun "reif", die anderen "kindisch"?


Das soll hier dahingestellt bleiben. Oder anders ausgedrückt: Die Erlebnisse innerhalb einer Generation werden vielfältiger. Dabei ist niemand anderen per se voraus, es unterscheidet sich schlicht der Erlebnishorizont.


Oft sind wir versucht, anderen in dieser Situation einen "Egotrip" zu unterstellen. Sie oder er habe eben Karriere gemacht, statt an andere zu denken, um einen gängigen Satz aufzugreifen. Im schlimmsten Fall gehen die Differenzen so weit, dass wir jemanden im Modesprech als "narzisstisch", als "toxisch", gar als "soziopathisch" empfinden.


Es geht nicht darum, alles zu tolerieren oder gar zu akzeptieren. Allerdings sollten wir akzeptieren, dass Werteorientierung längst nicht mehr klassisch und zumeist im Kollektiv von Generation zu Generation tradiert und teilweise drastisch in Frage gestellt wird. Vielmehr findet eine ständige parallele Neuinterpretation von Werten im Individuellen statt.


Die Rede von den vielen, übrigens erstaunlich kurzlebigen, Generationen X,Y, Z ... ist deshalb wenig hilfreich, zumal hier aus verschiedenen Zeiten stammende Generationsbegriffe recht willkürlich miteinander vermengt werden. Eher ließe sich von einer Generation im Konflikt sprechen. Oder sollten wir nicht gleich von Altersgenossen im Konflikt sprechen?


Wer versteht sich heute noch miteinander, wer fühlt sich vergleichbaren Werten verpflichtet? Erleben wir gar die Enstehung fruchtbarer Allianzen über alle Altersgrenzen hinweg?


Allianzen statt Konflikte, damit wäre ein wichtiger Schritt getan. Sollten wir die Allianzen auch in Verbindung mit Solidarität denken? Das Wort erinnert (zu) sehr an Verteilungskämpfe, die etwa im geltenden deutschen Rentensystem vorprogrammiert sind, wenn künftig zu wenig Menschen da sind, die für die Altersversorgung anderer arbeiten. Allianz klingt da konstruktiver.


Wie dem auch sei, es wird ohne gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht gehen. Ihn sollten wir zuletzt, wenn überhaupt aus der Überwindung von Gegensätzen wie alt und jung, stark und schwach, wohlhabend und armutsbedroht oder eingesessen und zugewandt definieren. Vielmehr sollten wir uns unseren Mimenschen zuwenden, sie auch und nur als solche sehen und sie als uns bereichernd wahrnehmen und im daraus erwachsenden Zusammenspiel Gesellschaft werden und sich entwickeln lassen.









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