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  • karinrogalska

"Vollerziehend" statt "alleinerziehend" (25. Juli 2023)

Ursprünglich hatte dieser Beitrag "Alleinerziehend geht vorbei" heißen sollen. Vor kurzem schoss es mir nämlich durch den Kopf: Der Nachwuchs absolviert demnächst sein letztes Schuljahr, solide Pläne für die Zeit danach gibt es auch schon. Und gerade sind Ferien, und der Nachwuchs ist selbstständig auf große Reise gegangen.


Alles Anlass genug, auf uns stolz zu sein. Denn wir scheinen es hinbekommen, besser: geschafft zu haben, fast so, als ob wir bald einen Schlussstrich unter bestimmte Jahre ziehen könnten. Mit anderen Worten: Wir genügen gesellschaftlichen Erwartungen, sollten wir das wollen. Aber das trifft es nicht.


Vorab: Alleinerziehend zu sein, bedeutet nicht verzweifeln zu müssen. Die meisten Alleinerziehenden haben ein ausgezeichnetes Netzwerk, wo man sich Mut zusprechen und einander unterstützen kann. Alleinerziehende sind auch längst keine Einzelfälle mehr in einer Gesellschaft, die immer diverser wird und diese Diversität auch dankenswerterweise zulässt.


Nach wie vor gilt aber: Alleinerziehende sind durchgängig voll verantwortlich für ihren Nachwuchs. Hier ließe sich einwenden, dass uneingeschränkte Verantwortungsfähigkeit gerade eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, Kinder in und durch unsere Welt zu begleiten. Das ist zweifellos richtig.


An dieser Stelle geht es jedoch nicht um das, was Eltern zu tun haben, sondern um das, was täglich von ihnen zu tun ist. Alleinerziehende können, aus welchen Gründen auch immer, Verantwortung nicht abgeben, besser gesagt: teilen. Sie sind eben voll verantwortlich für den Nachwuchs.


Nun ist in unseren Breitengraden, etwa ausgehend von den Werten des Grundgesetzes, in der Regel niemand gezwungen, Kinder in die Welt zu setzen. Es ist ein Akt der eigenen Lust, der eigenen Verantwortung.


Glücklicherweise ist basierend auf diesem Werteverständnis in der Regel auch niemand gezwungen, in einer unbehaglich gewordenen Beziehung zu bleiben oder um diese zu kämpfen. Dies ist Sache der einzelnen. Insofern ist es nur folgerichtig, alleinerziehend volle Verantwortung zu tragen.


Es ist auch nicht dieser Umstand, der nicht wenige Alleinerziehende immer mal wieder den Kopf hängen lässt. Vielmehr ist es, zumindest in Deutschland, mit ihnen ein wenig wie mit Selbstständigen(, wobei dieser Vergleich natürlich wie alle Vergleiche hinkt). Alleinerziehende wie Selbstständige, so die gängige Lesart, wurden nicht zu ihren Lebensumständen gezwungen, sondern haben sie sich vielmehr ausgesucht, weil sie, im Falle der Alleinerziehenden, etwa nicht zu einem harmonischen Miteinander imstande waren.


Sie sind also gewissermaßen "selbst schuld". Anders ausgedrückt tragen sie ein "Risiko", ein allgemeines oder ein unternehmerisches. Einzig verwitweten Alleinerziehenden gegenüber ist die Gesellschaft gnädiger, haben sie schließlich die Folgen eines "Schicksalsschlages" zu meistern.


Ob Risiko, ob Schicksalsschlag, Alleinerziehende werden oft als mit einem Mangel behaftet wahrgenommen, der im Gegenüber nicht selten Mitleid oder durchaus auch Überheblichkeit auslöst. Das spricht nicht für ein empathisches Miteinander. Vor allem aber sind Alleinerziehende und ihre Kinder keine unbeachtliche Minderheit, ganz gleich, ob die Lebenssituation aus Trennung, Scheidung oder Tod resultiert.


Sie waren es wohl auch nie - oder erscheint es nur mir so? In Biographien berühmter Persönlichkeiten auch aus früheren Zeiten lässt sich (immer öfter?) nachlesen, sie seien mit nur einem Elternteil aufgewachsen, oft mit dem Hinweis "in ärmlichen Verhältnissen", nur selten mit der Ergänzung "trotzdem unverzagt".


Das Schreckensbild von der Familie, die infolge des wie auch immer gearteten Wegfalls eines Elternteils darbt, ist geblieben. Bestätigt wird es etwa durch Statistiken, wonach Alleinerziehende zu den gesellschaftlichen Gruppen rechnen, die am stärksten armutsgefährdet sind.


Bemerkenswerterweise wird in diesem Zusammenhang nur selten erörtert, inwieweit Menschen in Partnerschaften armutsgefährdet sind. Ehe und Gemeinschaft gelten damit indirekt als Versicherung gegen wirtschaftliche Not. Immer noch oder doch eher: schon wieder?


Mangelerscheinung, gar Mangelzustand alleinerziehend? Es ist längst Zeit, sich von dieser Vorstellung zu verabschieden. Denn alleinerziehend passiert, so wie auch anderes im Leben geschieht, und es gilt dann eben, sich zumindest für eine gewisse Zeit "allein" einzurichten.


Wobei Alleinerziehende ja niemals "allein" sind oder anders ausgedrückt immer in Gemeinschaft leben, weil sie zumindest für ein Kind die Verantwortung tragen, das nicht selten deutlich mehr anpackt als Nachwuchs in zumindest vordergründig funktionierenden Beziehungen.


Schon aus diesem Grund ist das Präfix "allein" unangebracht. "Allein"erziehende sind gerade nicht "allein" oder gar "einsam", sie haben ja eine Familie. Wenn überhaupt "allein", sind sie "alleinstehend". Deshalb wäre es auch angebracht, sie als "alleinstehend erziehend" zu bezeichnen. Sie "alleinerziehend" zu nennen, ist eine Verkürzung, die mit einer zunächst negativen Konnotation einhergeht. Wundersamerweise hat sich hieran aber noch keine linguistische Auseinandersetzung entzündet.


Allerdings geht "alleinstehend erziehend" nicht allzu flott von der Zunge. Deshalb sei die Neuschöpfung "vollerziehend" vorgeschlagen. Schließlich trägt ein alleinstehendes Elternteil auch volle und nicht etwa geteilte Verantwortung.


Damit wäre anerkannt, dass es gerade keinen Mangel bedeutet, ein Kind in Eigenregie großzuziehen. Vollerziehend zu sein, ist sicher vergleichsweise anstrengend. Das eigene Leben und das des Nachwuchses nicht im Griff zu haben, bedeutet es aber genau nicht. Denn dann stünden viele Vollerziehende ganz sicher "allein" da. Und genau das ist ja gerade nicht der Fall.







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